Mittwoch, 30. Juli 2014

Moderne Stühle in alter Kirche

Über weiße Stühle, die in Tei­len ei­ner al­ten Kir­che auf­ge­stellt wur­den, hat­te ich am 16. Ju­li schon ein­mal ge­schrie­ben.
In den ak­tu­el­len Pfarr­nach­rich­ten (26.7–14.09) klärt der Kir­chen­vor­stand über die­se Stühle auf. Er sei sich be­wußt ge­we­sen, daß die An­schaf­fung mögli­cher­wei­se auf Kri­tik stoße, aber das ha­be man bil­li­gend in Kauf ge­nom­men. Vor­ab ha­be es lan­ge Dis­kus­sio­nen un­ter an­de­rem mit dem Denk­mal­amt in Müns­ter ge­ge­ben und man ha­be »al­le Fak­ten nüchtern ab­ge­wo­gen«. Dann sei man zu dem Ent­schluß ge­kom­men, »dass die po­si­ti­ven Aspek­te deut­lich über­wie­gen«.
»Die ka­tho­li­sche Kir­che be­fin­det sich be­kannt­lich in ei­nem struk­tu­rel­len Verände­rungs­pro­zess. Wir al­le müssen uns auf­ge­ru­fen fühlen, neue und vor al­lem fri­sche Denk­ansätze zu­zu­las­sen, auch wenn es uns mit­un­ter schwer fällt. Und dies nicht nur im Be­reich „Soft­wa­re“, wie es uns un­ser neu­er Papst be­reits ei­ni­ge Ma­le ins Stamm­buch ge­schrie­ben hat, son­dern auch in der „Hard­wa­re“. Was nützt es uns, wenn wir in der Theo­rie ab­seits der aus­ge­tre­te­nen Pfa­de ge­hen und sinn­bild­lich neue Schlösser in die Kir­che ein­bau­en, aber im­mer noch die al­ten Schlüssel be­nut­zen wol­len?«
Daß hier der Papst in An­spruch ge­nom­men wird, – ein an­de­rer Blog­ger prägte mal das Wort „Oc­cu­py the po­pe“ — wirkt schon ziem­lich weit her­ge­holt. Ich weiß frei­lich nicht, was der Papst sag­te, wenn man ihn früge, was er von den Stühlen hal­te. Ich weiß al­ler­dings auch nicht, ob er sich für sol­che Fra­ge­stel­lun­gen über­haupt in­ter­es­siert. Und ob der Papst in Be­zug auf neue Denk­ansätze als Me­tha­pher von „Soft­wa­re“ oder „Hard­wa­re“ ge­spro­chen hat, ist mir nicht er­in­ner­lich. Ins­ge­samt wirkt das Ar­gu­ment doch arg ab­surd ge­stelzt.
Doch wenn es um Ab­sur­ditäten geht, dann ist für den Kir­chen­vor­stand an die­ser Stel­le noch nicht Schluß, denn er be­nennt noch »drei we­sent­li­che Kern­punk­te«, die für die Stühle spre­chen:
»1. Stühle sind we­sent­lich fle­xibler ein­setz­bar als Bänke. Un­se­re Stühle sind zu­dem sehr ein­fach und platz­spa­rend sta­pel­bar. Für Tauf­fei­ern können die­se zum Bei­spiel wun­der­bar um das Tauf­be­cken her­um auf­ge­stellt wer­den. Wir wis­sen, dass vie­le Fa­mi­li­en das als schöne Kom­po­nen­te und Auf­wer­tung der Fei­er emp­fin­den. Oder den­ken Sie an die un­ter der Wo­che statt­fin­den­den Got­tes­diens­te, die eher karg be­sucht sind (lei­der). Die Lee­re al­lein in­ner­halb der al­ten Kir­che kommt ei­nem nicht mehr ganz so groß vor, wenn ein klei­ne­rer Rah­men ge­schaf­fen wird, und zwar in der Form, dass nur annähernd die An­zahl an Stühlen auf­ge­stellt wird wie Got­tes­dienst­be­su­cher zu­ge­gen sind.
2. Die großar­ti­ge Fläche der al­ten Kir­che zwi­schen den Säulen kommt erst vollständig zur Gel­tung, wenn der Raum in Gänze frei ist. Ei­ne be­ein­dru­cken­de At­mo­sphäre, die wir nun öfters ge­nießen dürfen. Da­mit ist klar, dass die Stühle nun im­mer vor Ort blei­ben, aber nicht ständig auf­ge­stellt sind.
3. Die neu­en Stühle in ih­rer schlich­ten, weißen Ausführung he­ben sich in her­vor­ra­gen­der Wei­se vom alt­ehrwürdi­gen Gemäuer ab. Viel­leicht ein Wi­der­spruch, aber Mo­der­nes und Be­jahr­tes in en­gem Dia­log ne­ben-ein­an­der. Das hat et­was Fas­zi­nie­ren­des, wenn man ge­willt ist, sich dar­auf ein­zu­las­sen.«
So­dann bit­tet der Kir­chen­vor­stand die Ge­mein­de­mit­glie­der, »sich mit der neu­en, natürlich noch un­ge­wohn­ten Si­tua­ti­on zu ar­ran­gie­ren«, denn weg be­kommt man die Stühle so­wie­so nicht mehr und wenn Auf­re­gen nichts nützt, ist Ar­ran­gie­ren die ru­hi­ge­re Al­ter­na­ti­ve. Als dann fehlt in der Er­klärung natürlich auch nicht das ak­tu­ell so wich­ti­ge Schlag­wort der Trans­pa­renz, die man mit die­sen In­for­ma­tio­nen schaf­fen woll­te.

Ein paar kur­ze An­mer­kun­gen zu den drei vom Kir­chen­vor­stand vor­ge­brach­ten Punk­te:
ad 1. – Die Kir­chen­vor­stand hat recht, wenn er fest­stellt, daß Stühle fle­xibler ein­setz­bar sind als Bänke. Sie sind ja auch viel klei­ner, leich­ter und be­weg­li­cher. Ob die­se Plas­tikstühle al­ler­dings dafür ge­eig­net sind ei­ne Tauf­fei­er auf­zu­wer­ten, ist ei­ne ganz ei­ge­ne Fra­ge. Wenn das so ist, dann muß man nämlich fra­gen, wo der „Wert“ ei­ner Tauf­fei­er liegt. Geht es da um das gu­te Fee­ling der An­we­sen­den oder geht es um die Auf­nah­me ei­nes Men­schen in die Ge­mein­schaft der Glau­ben­den und um die Ab­wa­schung der Erbsünde im Ba­de der Wie­der­ge­burt?
Frei­lich kom­men im­mer we­ni­ger Leu­te zu den werktägli­chen Got­tes­diens­ten. Da kann man auch mal nach den Ur­sa­chen fra­gen, statt gleich – für das gu­te Ku­schel­gefühl im klei­nen Kreis – Stühle an­zu­schaf­fen, die die Lee­re ka­schie­ren sol­len. Man könn­te et­wa fra­gen, ob es dar­an liegt, daß es im­mer wie­der pas­siert, daß un­an­gekündigt ei­ne Mes­se ausfällt und statt­des­sen ein Laie ei­ne Wort-Got­tes-Fei­er hält? Die­se Ar­ten der Fei­er ha­ben sich gott­lob noch nicht durch­set­zen können. Da ge­hen lie­ber die Leu­te wie­der nach Hau­se, als in ei­nem sol­chen Fall dort zu blei­ben. Im nächs­ten Schritt kom­men sie erst gar nicht, weil sie nicht wis­sen was jetzt wie­der auf sie zu kommt. In an­de­ren Fällen fal­len Mes­sen ganz aus, weil ir­gend­wo im Pas­to­ral­ver­bund am glei­chen Tag ei­ne Be­er­di­gung statt­fin­det oder statt­fand. Dann ste­hen die Leu­te, wenn sie von der Be­er­di­gung nicht zufällig et­was mit­be­kom­men ha­ben, vor ge­schlos­se­nen Türen. Wem so et­was zwei­mal pas­siert, der über­legt sich, ob er über­haupt noch kommt. Darüber hätte der Kir­chen­vor­stand im Vor­feld mal nach­den­ken können und nicht über einen Stuh­kauf.
ad 2. – War ge­ra­de noch die Lee­re ne­ga­tiv be­setzt und soll­te sie durch Bil­dung klei­ner Krei­se ka­schiert wer­den, ist jetzt die lee­re Fläche großar­tig. Ja was denn nun?
Die platz­spa­rend sta­pel­ba­ren Stühle sol­len mal auf­ge­stellt sein und mal nur »vor Ort blei­ben«. Das soll wohl heißen, daß sie dann ir­gend­wo, ver­mut­lich un­ter der Or­gelbühne ge­sta­pelt rum­ste­hen. Man darf ja wohl fra­gen, ob es wirk­lich sinn­voll ist, in ei­nem sa­kra­len Raum ei­ne Klünge­le­cke mit Sühlen zu schaf­fen. So et­was sieht im­mer un­auf­geräumt und un­fer­tig aus. Von den Schwie­rig­kei­ten beim Fe­gen und Put­zen der Kir­che (so­fern das über­haupt noch vernünf­tig ge­schieht), braucht man gar nicht erst zu re­den. Das be­trifft übri­gens so­wohl den Punkt der Klünge­le­cke als auch den Fall, daß die Stühle in der Kir­che auf­ge­stellt sind.
ad 3. – Schaf­fung von Wi­der­sprüchlich­kei­ten zwi­schen alt und neu als Dia­log zu be­zeich­nen fällt nor­ma­ler­wei­se nur ab­son­der­li­chen Künst­lern ein. Von ge­stan­de­nen West­fa­len im Kir­chen­vor­stand hätte man sol­che Wort­bla­sen kaum er­war­tet. In­so­fern ist dies wirk­lich ori­gi­nell und un­er­war­tet. – Man wird alt wie 'ne Kuh und lernt im­mer noch da­zu. – Den­noch bleibt die­ses Gesülze ein Nul­lar­gu­ment. Wenn die Mit­glie­der des Kir­chen­vor­stan­des so viel Wert auf Wi­der­sprüchli­ches le­gen, dann könn­te man sich auch freu­en, wenn je­mand Bier ins Weih­was­ser­be­cken kippt, weil der Be­su­cher dann auch was Un­er­war­te­tes ken­nen­lernt. Aber so weit will man dann hof­fent­lich doch nicht ge­hen.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Tomatenketchup – geschüttelt, nicht gerührt

Som­mer­zeit — Grill­zeit! Und ge­ra­de hat man sich spon­tan ent­schlos­sen den Grill an­zu­wer­fen, da stellt man – oh Schreck! – fest, daß kein Ketch­up mehr im Kühl­schrank ist.
Ich hat­te ja schon ein­mal ein Re­zept auf­ge­schrie­ben, aber der Ketch­up mußte ge­kocht wer­den. Heißer Ketch­up ist al­ler­dings nicht je­der­manns Sa­che, so daß sich das Re­zept für die spon­ta­ne Zu­be­rei­tung nicht eig­net.
Trotz­dem dient das Re­zept wei­ter­hin als Grund­la­ge: Auf einen Teil pas­sier­te To­ma­ten kom­men zusätz­lich 25% Es­sig, 10% Zu­cker, 2,5% Salz und Kräuter und Gewürze nach Be­lie­ben.
Der Ketch­up muß auch in die­sem Fall et­was an­ge­dickt wer­den. Beim Kalt­anrühren kann aber kei­ne Stärke ver­wen­den wer­den, da die­se be­kannt­lich erst beim Auf­ko­chen bin­det. Aus die­sem Grun­de ha­be ich mich für Jo­han­nes­brot­kern­mehl ent­schie­den. Auf 100g pas­sier­te To­ma­ten kom­men 0,5g Jo­han­nis­brot­kern­mehl. An­de­re mo­der­ne Bin­de­mit­tel wie et­wa Xan­tan, Guar­kern­mehl oder ähn­li­ches düften aber auch funk­tio­nie­ren. Die da­von benötig­ten Men­gen kann ich lei­der an­ge­ben, da ich es selbst nicht aus­pro­biert ha­be.
In kon­kre­ten Zah­len sieht ein Re­zept für 550g ein­fa­chen To­ma­ten­ketch­up dann so aus.
  • 400g pas­sier­te To­ma­ten (= 1 Do­se)
  • 100g Tafeles­sig
  • 40g Zu­cker
  • 10g Salz
  • 2g Jo­han­nis­brot­kern­mehl
  • Gewürze, Kräuter
Die Zu­be­rei­tung ist denk­bar ein­fach: Das Jo­han­nis­brot­kern­mehl soll­te vor­her gut mit dem Salz und Zu­cker und al­len an­de­ren tro­ckenen Zuta­ten ver­mi­schen, da­mit sich später kei­ne Klum­pen bil­den. Dann schüttet man al­le Zuta­ten in ei­ne al­te, ge­rei­nig­te Ketchupfla­sche, schüttelt al­les kräftig und sehr gut durch und stellt es für gut 15 Mi­nu­ten in den Kühl­schrank, da das Jo­han­nis­brot­kern­mehl ei­ni­ge Zeit braucht, um zu Quel­len und zu bin­den. Da­nach noch­mals durchschütteln und fer­tig ist der Ketch­up. Soll­te der Ketch­up, was je nach Her­stel­ler und Kon­sis­tenz der To­ma­ten der Fall sein kann, zu flüssig sein, so kann man auch nachträglich noch et­was Jo­han­nis­brot­kern­mehl hin­zuschütte(l)n.
Zum Würzen kann man sei­ner Phan­ta­sie frei­en Lauf las­sen. Einen Eßlöffel Cur­ry hin­zu­ge­ge­ben er­gibt einen schönen Cur­ry­ketch­up; mit Chi­li­pul­ver erhält man einen schar­fen Ketch­up. Man kann auch fri­sche, fein ge­schnit­te­ne Kräuter wie Pe­ter­si­lie oder Ba­si­li­kum oder sons­ti­ges hin­zu­ge­ben.
Da der Ketch­up dies­mal nicht er­hitzt wird, ist die Halt­bar­keit natürlich nicht so hoch, wie bei er­hitz­tem und da­durch ste­ri­li­sier­tem Ketch­up. Es ist al­so rat­sam klei­ne Men­gen an­zurühren, die schnell ver­braucht wer­den!

Gu­ten Ap­pe­tit



Hinweise zu den Zutaten:
Das Jo­han­nis­brot­kern­mehl be­kommt man in der Apo­the­ke und zahlt dann auch Apo­the­ken­prei­se. Im In­ter­net ge­kauft ist es deut­lich preis­wer­ter. Aber selbst wenn man es in der Apo­the­ke kauft und für 125g z.B. rund 12,- Eu­ro be­zahlt, so soll­te man be­den­ken, daß man nur sehr we­nig benötigt. Ei­ne Pa­ckung mit 125g ist aus­rei­chend, um rund 34kg Ketch­up her­zu­stel­len.
Bei den pas­sier­ten To­ma­ten be­vor­zu­ge ich der­zeit je­ne der Fir­ma „Mut­ti“ aus der Glas­fla­sche. Die­se sind zwar deut­lich teu­rer als No-Na­me­pro­duk­te, doch sind sie durch ih­ren fruch­ti­gen Ge­schmack und die schöne Kon­sis­tenz ih­ren Preis wert. Preis­wert wird der Ketch­up dann natürlich nicht.

Mittwoch, 23. Juli 2014

Libori 1860 – Prozessionsordnung

Zum Li­bo­ri­fest vor 154 Jah­ren er­ließ Bi­schof Kon­rad Mar­tin ei­ne neue Pro­zes­si­ons­ord­nung.
Viel­leicht dach­te er sich: „Ord­nung ist das hal­be Le­ben“ oder auch ein­fach: „Ord­nung muß sein“. Wir wis­sen es nicht.
Je­den­falls wur­den al­ler­hand Schu­len, Grup­pen, Or­den etc. bei der Ord­nung berück­sich­tigt. Es ist er­staun­lich, welch bun­tes kirch­li­ches Le­ben und wel­che Bru­der­schaf­ten, So­da­litäten etc. es da­mals noch gab.
Heu­te würde ei­ne sol­che Ord­nung frei­lich einen Auf­schrei auslösen. Männer und Frau­en wer­den ge­trennt, Fa­mi­li­en aus­ein­an­der ge­ris­sen, haupt­amt­li­che Lai­en ha­ben kei­nen ei­ge­nen Platz und die „nor­ma­len“ Lai­en kom­men un­ter „fer­ner lie­fen“ am En­de.:
Für die am
Feſte des h. Liborius stattfindende Prozeſſion,
ſo wie für alle ähnlichen Prozeſſionen des Jahres iſt folgende Ordnung feſtgelegt worden:
  1. Meißgekleidete Mädchen mit Symbolen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.
  2. Weißgekleidete Mädchen mit Blumen.
  3. Die Gaukircher=Mädchenſchule.
  4. Die Schulen des St. Michaelskloſters.
  5. Die Dom=Mädchenſchule.
  6. Die Marktkircher=Mädchenſchule.
  7. Die Blindenanſtalt.
  8. Die Freiſchule.
  9. Die Dom=Knabenſchule.
  10. Das Gymnaſium
  11. Die Studierenden der Theologie.
  12. Die Franziſkaner.
  13. Chorknaben und Domchoraliſten.
  14. Die Allumnen des Prieſterſeminars.
  15. Der Domklerus.
  16. Der Kaſten des heil. Liborius.
  17. Das Allerheil. Sakrament, umgeben von Fackelträgern.
  18. Die 4 Stadtpfarrer.
  19. Bürgermeiſter und Magiſtrat.
  20. Die Marianiſchen Junggeſellen=Sodalität.
  21. Der katholiſche Geſellenverein.
  22. Die Männer=Sodalität.
  23. Die Johannes=Bruderſchaft
  24. Die Sakraments=Bruderſchaft
  25. Die übrigen andächtigen Jünglinge und Männer.
  26. Andächtige Jungfrauen und Frauen
Für die Aufrechthaltung der vorſtehend verzeichneten Ordnung werden mehrere Geiſtliche Sorge tragen, deren Weiſungen genau zu beachten ſind.

Paderborn, am 24. Juli 1860.
Der Biſchof
† Konrad.

Montag, 21. Juli 2014

Was ist der Mensch? 30/2014

»Der Mensch ist bei sich nicht zu Hause; er hält es mit sich, so wie er ist, nicht recht aus. Er will der sein, sich auswirken als der, der er ist, und will doch auch gerade der nicht sein, der er ist. Darum drapiert er sich mit seinen Idealen.«
(Emil Brunner)

Freitag, 18. Juli 2014

Mittwoch, 16. Juli 2014

Freiflächen zum individuellen liturgischen Handeln?

In be­reits zwei Blog­bei­trägen bin ich auf ein­zel­ne Punk­te in der um­strit­te­nen „Pas­to­ral­ver­ein­ba­rung 2013“ des Pas­to­ral­ver­bun­des Bal­ve-Hön­ne­tal aus letz­tem Jahr, die die Un­ter­schrift des Erz­bi­schofs Hans-Jo­sef Be­cker trägt, ein­ge­gan­gen
Auch in die­sem Bei­trag spielt sie wie­der ei­ne Rol­le. — Aber der Rei­he nach: Vor ei­ni­ger Zeit er­zähl­te mit je­mand in ei­nem Te­le­fonat, daß man in der Pfarr­kir­che in Bal­ve „weiße Stühle“ auf­ge­stellt ha­be. Ich konn­te mir das gar nicht so recht vor­stel­len und so bin ich ge­stern mal nach Bal­ve ge­fah­ren, um mir die Sa­che vor Ort an­zu­se­hen und ei­ni­ge Bil­der zu ma­chen.
Die­se weißen Stüh­le, die dort ste­hen, schei­nen auch in ge­wis­ser Wei­se auf die Pas­to­ral­ver­ein­ba­rung zu­rück­zu­ge­hen. Dort liest man an ver­schie­de­nen Stel­len in­ter­essan­te Din­ge und man kann ge­spannt sein, was hier den Gläu­bi­gen in Zu­kunft noch al­les zu­ge­mu­tet wird. Für die Pfarr­kir­che St. Bla­si­us in Bal­ve, die zum Zeit­punkt der Er­stel­lung der Pas­to­ral­ver­ein­ba­rung teil­wei­se noch re­no­viert wur­de, liest man:
»…Nach den Um­bau­ar­bei­ten wer­den nicht mehr al­le Bän­ke auf­ge­stellt, um im li­tur­gi­schen Be­reich in­di­vi­du­el­ler han­deln zu kön­nen…«
Für die Pfarr­kir­che Hei­li­ge Drei Köni­ge in Gar­beck ist gar zu le­sen:
»…Über­le­gen: Even­tu­ell Al­tar­raum um­ge­stal­ten für klei­ne­re Grup­pen - dann als Li­tur­gie­ort nut­zen…«
Und un­ter Punkt 8.3. in dem noch zu er­le­di­gen­de Auf­ga­ben und Her­aus­for­de­run­gen be­schrie­ben wer­den steht:
»…Kir­chen­raum­nut­zung über den Got­tes­dienst hin­aus (z.B. Frei­flä­chen, Pfarr­heim in­te­grie­ren)…«
Im Zu­ge der Re­no­vie­rung soll­ten al­so in Bal­ve auch Frei­fläch­en ge­schaf­fen wer­den, »um im li­tur­gi­schen Be­reich in­di­vi­du­el­ler han­deln zu kön­nen«, was auch im­mer das be­deu­ten mag. Wie dies teil­wei­se ge­macht wur­de, kann man am be­sten an­hand von Bil­dern bes­ser se­hen als be­schrei­ben. Es gibt bei You­tu­be ein Vi­deo, das auch ei­ni­ge Schwenks durch die Kir­che ent­hält:

Man sieht dort z.B. auf der rech­ten Sei­te beim Beicht­stuhl noch kur­ze Kir­chen­bän­ke; und eben­so auf der lin­ken Sei­te beim Wind­fang (s. Screens­hot-Aus­schnit­te):
Nach dem Um­bau sind die­se Bänke ver­schwun­den:
Zu­dem scheint es, daß die Gän­ge et­was ver­brei­tert wur­den. Die Bänke im Mit­tel­schiff wur­den auf ei­ne ein­heit­li­che Län­ge ge­stutzt, und he­ben sich so op­tisch von dem Rund­bau der Kir­che ab. Nun hat im Neu­bau­teil der Kir­che kei­ner mehr di­rekt ei­ne Säule vor den Au­gen. Die An­zahl der Sitz­plätze ist da­mit na­tür­lich auch ver­rin­gert.
Man hat al­so hier und da ein paar Qua­drat­me­ter als Frei­fläche ge­schaf­fen. Wie hier­durch im »li­tur­gi­schen Be­reich« ein in­di­vi­du­el­les Han­deln mög­lich sein soll, bleibt un­klar. Klar ist in­des, daß durch die Ver­rin­ge­rung der Sitz­plätze die Kir­che rein op­tisch bei nor­ma­len Got­tes­dien­sten vol­ler aus­sieht und bei ho­hen Fe­sten über­fül­lt aus­sieht, weil nicht mehr je­der einen Platz fin­det.
Ei­ne Frei­fläche hat­te man al­ler­dings im al­ten Teil der Kir­che ge­schaf­fen. Hier fehl­te ei­ne ge­wis­se Zeit lang gut die Hälf­te der Bän­ke ganz, so daß wirk­lich ei­ne große, zu­sam­men­hän­gen­de Frei­flä­che vor­han­den war.
Der al­te Teil der Kir­che ist um 90° zum neu­en Teil der Kir­che ver­setzt. Nach der Re­no­vie­rung in den 70er/80er Jah­ren, als be­gon­nen wur­de, den Al­tar in der al­ten Kir­che wie­der zu be­nut­zen, hat­te man einen Teil der Bän­ke mit Blick­rich­tung auf den Al­tar der al­ten Kir­che auf­ge­stellt, wäh­rend der an­de­re Teil um 90° ver­setzt die Blick­rich­tung zum Al­tar der neu­en Kir­che hat­te. Die Bän­ke mit Blick­rich­tung in die neue Kir­che sind im Zu­ge der letz­ten Re­no­vie­rung ver­schwun­den und sind ein­ge­la­gert. Hier war also eine Frei­flä­che ent­stan­den.
Die da­durch ent­stan­de­ne Frei­flä­che hat man nun aber wie­der mit den oben er­wähn­ten weißen Pla­stik­stüh­len, die gut in je­des War­te­zim­mer ei­ner Zahn­arzt­pra­xis pas­sen, zu­ge­stellt. Mit den der­zeit auf­ge­stell­ten Stüh­len schei­nen aber noch lan­ge nicht al­le Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöp­ft. Un­ter der Or­gelbüh­ne in der al­ten Kir­che war­ten noch wei­te­re Stüh­le auf ih­re Nut­zung. Da­zu kann man sich ei­gent­lich nur noch an den Kopf fas­sen. Ein Ge­mein­de­mit­glied sag­te mir so­gar: „Ehe ich mich auf so einen Stuhl set­ze, blei­be ich lie­ber ste­hen.“
Auf der an­de­ren Sei­te ist na­tür­lich dort jetzt in­di­vi­du­el­les Han­deln auch im li­tur­gi­schen Be­reich mög­lich, weil die Stüh­le nicht so fest ste­hen wie Bän­ke und man pri­ma Stuhl­krei­se und ähn­li­ches bil­den kann.
Bei Ge­sprä­chen vor Ort kam her­aus, daß wie­der­um ge­gen­über Kri­ti­kern das Im­mu­ni­sie­rungs-Ar­gu­ment „Pa­der­born will das so“ oder „das ist ei­ne An­wei­sung aus Pa­der­born“ an­ge­führt wor­den sei. Pa­der­born ist schließ­lich 100km weit weg und dort wird kei­ner aus der Ge­mein­de, dem so et­was nicht ge­fällt, nach­fra­gen, ob es stimmt.
Ich kann nicht glau­ben, daß sich tat­säch­lich Leu­te im Ge­ne­ral­vi­ka­ri­at mit der Fra­ge nach weißen Stüh­len in ei­ner Kir­che be­schäf­ti­gen und „An­wei­sun­gen“ da­zu ge­ben, wenn­gleich in der Pas­to­ral 2.0 der­zeit al­les mög­lich er­scheint.
Soll­te es je­doch stim­men, daß in Be­zug auf das Auf­stel­len der Stüh­le tatsächlich An­wei­sun­gen aus dem Ge­ne­ral­vi­ka­ri­at ge­kom­men sind, so ist den­noch die nach dem Sinn die­ser Ak­ti­on zu fra­gen.
Ob­schon ge­nü­gend Kir­chen­bän­ke vor­han­den sind, die nun ein­ge­la­gert wur­den, sind Stüh­le an­ge­schafft wor­den, die man ja auch nicht um­sonst be­zo­gen ha­ben wird.
Ei­ner­seits wird im­mer über lee­re Kas­sen ge­klagt; an­de­rer­seits wird für so einen Un­sinn Geld aus dem Fens­ter ge­wor­fen.
Warum man zu­dem den Gläu­bi­gen, so sie denn tatsächlich viel­leicht mal die Stüh­le nut­zen, nö­tigt, auf dem Bo­den zu kni­en, er­schließt sich eben­so we­nig.
Oder wur­de das Kni­en in der Pas­to­ral 2.0 in­zwi­schen ganz ab­ge­schafft?