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Donnerstag, 13. Februar 2014

»Rule Golden«

Die Überschrift dieses Blogeintrags hat nichts mit einer Gleichung aus der Quantenmechanik zu tun und sie zielt nicht direkt auf die Goldene Regel aus der Ethik: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ ab. Im Deutschen hat sich die goldene Regel in dem Sprichwort „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu“ Niederschlag gefunden, welches eine negative Formulierung darstellt.
Um eine Art der negierten Form der klassischen goldenen Regel geht es in „Rule Golden“ tatsächlich. Der engl. Ausdruck für die goldene Regel ist „golden rule“ und dieser wurde hier in der Wortstellung umgedreht.
„Rule Golden“ ist eine Novelle des amerikanischen, inzwischen schon verstorbenen, Science-Fiction Autors Damon Knight aus dem Jahre 1954. (Nebenbei: der Roswell-Zwischenfall war 1947.) In deutscher Übersetzung ist die Novelle unter dem Titel „Welt ohne Gewalt“ veröffentlicht worden.¹
In den ersten Zeilen der Novelle liest man:
»In Des Moines gab ein Mann seiner Frau einen Fußtritt. Man brachte sie mit einem Steißbeinbruch ins Krankenhaus.
Ihn auch.
In Kansas City tötete ein Jugendlicher seinen Schulkameraden mit einem Pistolenschuß und brach tot zusammen – Herzversagen.
In Decatur schlugen zwei Mittelgewichtsboxer namens Packy Morris und Leo Oschinsky einander gleichzeitig k.o.
In St. Louis schoß ein Polizeibeamter einen flüchtenden Bankräuber nieder und brach zusammen. Der Bankräuber starb; der Polizeibeamte schwebte in Lebensgefahr…«
Die Geschichte ist also schnell erzählt: Auf der Erde ist ein Außerirdischer gelandet und er wird – wie sollte es auch anders sein — in den USA in einem geheimen Forschungslabor der Regierung bzw. Armee festgehalten. Ein Journalist kann den Forschungskomplex besuchen und er ermöglicht dem Außerirdischen die Flucht. Beide reisen danach einmal um die Welt. Bei der Reise verströmt der Außerirdische ein Aerosol, welches die Menschen empathisch macht und zwar so, daß jeder, der einem anderen etwas antut, das gleiche selbst verspürt.
Die dort formulierte Regel lautet: „Dir geschehe das, was du anderen antust.“
Diese Art der Emphatie ist allumfassend und betrifft alle höheren Lebewesen. Schlachthofmitarbeiter brechen zusammen, weil sie mit den Schlachttieren fühlen. Fleischfressende Tiere sterben aus oder werden zu Vegetariern, weil sie keine anderen Tiere zum Fressen töten können ohne selbst zu sterben. Gefängnisangestellte legen die Arbeit nieder, da sie Depressionen bekommen. Auch Regierungen stürzen, da sie keine Macht bzw. Gewalt mehr (über die Menschen) haben. Es herrscht (friedliche) Anarchie! Doch wird man auch an die alte Regel „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ erinnert. Jedoch gibt es kein Recht, keine Richter und keine Vollstrecker, sondern die Strafe tritt mit der Tat zeitgleich und automatisch ein.
Das Ziel soll freilich eine friedliche Welt sein in der alle – Mensch und Tier – ohne Gewalt zusammenleben.
Unwillkürlich fühlt man sich an Jesaja 11 erinnert:
»6 Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.
7 Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.
8 Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
9 Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.«
Es gibt jedoch einen gewaltigen Unterschied: In der Novelle ist es das Wissen um die Strafe und die Angst vor der von allein eintretenden Strafe, die die Menschen zum Frieden zwingt. Ist dies ein erstrebenswerter Zustand?
Frieden, der auf Furcht beruht, kann kein wahrer Frieden sein. Wahren Frieden kann auch kein Außerirdischer mit Psycho-Drogen bringen. Das wäre allenfalls eine Einbildung. Es ist nur eine momentane Abwesenheit von Gewalt die es in der Welt und durch weltliche Dinge geben kann. Es ist dann eine „Welt ohne Gewalt“, wie auch die dt. Übersetzung der Novelle titelt. Etwas ganz anderes ist da der Friede, den Christus verheißt (Joh 14,27):
»Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch…«
Um diesen Frieden kann man nur beten und auf ihn hoffen. Daß was hier auf Erden getan werden kann, erscheint da eher als Schadensbegrenzung, die in der Tat in Richtung „Welt ohne Gewalt“ geht. Das muß man dann auch so nennen. Die Suche nach dem Weltfrieden bleibt vermutlich eine Utopie, ähnlich wie die Novelle eine Utopie beschreibt. Aber wie kann denn Schadensbegrenzung gehen?

Bloggerkollege Peter greift mit der Überschrift „Berichte und vernichte“ einen Spezialfall der Gewalt auf: Mediale Gewalt gegen mißgeliebte Menschen.
Die Macht der Medien ist heutzutage in der Tat gewaltig und nicht selten auch gewalttätig. Die Opfer der Medien pflastern die Straßen der Geschichte. Behauptungen, Gerüchte, Halbwahrheiten bis hin zu frei Erfundenem in Millionenauflage vervielfältigt dienen als Mittel, den Gegner an die Wand zu spielen; ihm seiner Reputation zu berauben; ihn als Gauner dastehen zu lassen u.v.m. Und selbst wenn das Opfer am Boden liegt wird noch mehrfach nachgetreten.
Ist bis zum Ende nicht klar, ob sich das Medienopfer etwas hat zu Schulden kommen lassen, so können die Medien auf den alten Satz hoffen: „Semper aliquid haeret“ (etwas bleibt immer hängen).
Und sollte sich später jedoch herausstellen, daß hier ein Unschuldiger zu Fall gebracht wurde, so führt selbst das, wenn überhaupt, oft nur zu einer knappen Meldung des Bedauerns auf Seite sieben.
Peter schlägt in solchen Fällen als Gegenmittel die Überprüfung der Sachverhalte vor – neudeutsch: Faktencheck. Diese sollten dann Öffentlich gemacht werden, um so die Wahrheit ans Licht zu bringen. „Über allem aber siegt die Wahrheit“ (III Esr 3,12 Vg) mag der antreibende Gedanke zu sein.
Das ist auf den ersten Blick ein richtiger Gedanke. Ist er aber wirklich richtig? Wie wirkt sich das Bezeichnen der Lüge als Lüge auf jenen aus, der gelogen hat und nun öffentlich als Lügner da steht? Oder muß man dann sagen: „Geschieht ihm recht!“? Darf man jemanden so brandmarken?
»Mt 18,15 Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.
16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.
17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.«
Es ist eine Sache jemanden unter vier Augen für seine Tat zurechtzuweisen und eine andere, seine Tat öffentlich zu machen. Wenn wir uns als Kinder mit Freunden gestritten habe und wütend nach Hause kamen, dann sagten die Eltern oft: „Jetzt geh hin, steckt die Köppe zusammen und vertragt Euch wieder“ und damit war genau diese Zurechtweisung unter Brüdern gemeint, von der der Herr spricht. Es wurde kein großes Buhei gemacht; andere waren nicht involviert; das regelte man unter sich – erfolgreich!
Diese Form der Zurechtweisung unter Brüdern betrifft aber nur Dinge, die gegen eine Person gerichtet waren und von denen nur Täter und Opfer wissen. Wurde aber eine Sache öffentlich gemacht, so sieht es ganz anders aus:
»…Dein Bruder hat also gegen dich gesündigt; aber wenn du allein es weißt, dann hat er wirklich nur gegen dich gesündigt, denn wenn er dir vor vielen Zuhören Unrecht getan hat, hat er auch gegen jene gesündigt, die er zu Zeugen seiner Ungerechtigkeit gemacht hat. Diejenigen Sünden sind also öffentlich zu tadeln, die auch öffentlich begangen wurden, im Verborgenen dagegen diejenigen, die im Verborgenen begangen wurden…« (Augustinus)
Da Medien immer öffentlich agieren, sind also in der Tat auch öffentliche Zurechtweisungen angebracht. Diese dienen aber nicht nur der Verteidigung desjenigen gegen den die Medien agiert haben, sondern der Verteidigung aller, die – abstrakt gesprochen – durch die Veröffentlichung geschädigt wurden, weil ihnen die Unwahrheit als Wahrheit verkauft wurde. Das schützenswerte Gut ist hier die Wahrheit. Ob jeder immer und überall ein Recht auf Wahrheit hat, wird damit generell nicht bejaht und wäre einer eigenen Betrachtung wert. Verworfen wird allerdings die Überzeugung, welche offenbar in manchen Redaktionen herrscht, jemanden ungestraft belügen zu dürfen. Hier darf der öffentliche Lügner als Lügner bezeichnet werden.

¹Die Novelle ist auf Deutsch erschienen in der Reihe Unterwegs in die Welt von morgen. Utopische Geschichten und Science-fiction Romane im Verlag Das Beste (Stuttgart, Zürich, Wien). Dort ist es der Band 121 mit den zwei Geschichte „Die Kolonie“ von Ben Bova und „Welt ohne Gewalt“ von Damon Knight. ISBN 3-87070-370-9.