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Montag, 30. Juni 2014

Meine Oma und der Papst

Mei­ne Oma, ge­bo­ren 1907 und ge­stor­ben 2000, hat­te in ih­rem Le­ben acht Päps­te er­lebt: Pi­us X (bis 1914), Be­ne­dikt XV. (bis 1922), Pi­us XI. (bis 1939), Pi­us XII. (bis 1958), Jo­han­nes XXIII: (bis 1963), Paul VI. (bis 1978), Jo­han­nes Paul I. (33 Ta­ge 1978), Jo­han­nes Paul II., der sie über­lebt hat.
„Ra­dio Va­ti­kan“ wur­de 24 Jah­re nach der Ge­burt mei­ner Oma aus der Tau­fe er­ho­ben und nahm im Fe­bru­ar 1931 den Sen­de­be­trieb auf und mit der ers­ten Sen­dung war auch erst­mals die Stim­me des Paps­tes zu hören. Der Test­be­trieb dau­er­te al­ler­dings noch bis 1939.
Das Fern­se­hen be­kam erst lang­sam ab den 50er Jah­ren Be­deu­tung, als mei­ne Oma schon über 40 Jah­re alt war, wenn­gleich es auch schon vor Aus­bruch des II. Welt­kriegs Fern­seh­sen­dun­gen gab.
Heu­te be­kom­men wir al­le Nach­rich­ten aus al­ler Welt und natürlich auch aus Rom fast oh­ne Zeit­verzöge­rung ins Haus. Bei vie­len Din­gen kann man „li­ve“ per TV, In­ter­net etc. da­bei sein.
Nach­rich­ten­por­ta­le ver­sor­gen uns auch mit den Din­gen, die der Papst macht: Je­des Wort, je­de Pre­digt, je­des In­ter­view, je­des Re­gung wird ver­brei­tet; ja, so­gar über Te­le­fona­te mit Pri­vat­per­so­nen wird be­rich­tet. Es scheint als bli­cke die gan­ze ka­tho­li­sche Welt per­ma­nent nach Rom. Wo hat der Papst was ge­sagt? Wel­che Aus­sa­ge mag ich, wel­che nicht? Wel­chen Satz kann ich (für mei­ne Zwe­cke) zi­tie­ren, wel­chen las­sen ich bes­ser un­ter den Tisch fal­len?
Kann es sein, das wir in­zwi­schen übersättigt sind mit Papst­nach­rich­ten? Kann es sein, daß es ei­ne un­ge­sun­de Papst­zen­triert­heit gibt?
So­lan­ge es kein Ra­dio gab, gab es auch kei­nen di­rek­ten Draht nach Rom. Im Jah­re als „Ra­dio Va­ti­kan“ den Sen­de­be­trieb auf­nahm hat mei­ne Oma ge­hei­ra­tet. Als Ra­dio Va­ti­kan mit dem Test­be­trieb fer­tig war und 1940 auch be­gann, auf deut­scher Spra­che zu sen­den, hat­te mei­ne Oma be­reits vier Kin­der zur Welt ge­bracht. Doch von dem was der Papst täg­lich sag­te und tat, be­kam sie als nor­ma­le Ka­tho­lik­in nicht viel mit.
Wenn ein Papst et­was Wich­ti­ges zu sa­gen hat­te, dann schrieb er ei­ne En­zy­kli­ka oder ein sons­ti­ges Hir­ten- oder Lehr­schrei­ben. Wenn der Papst nichts zu sa­gen hat­ten, dann sag­te er, an­ders als heu­te, auch nichts.
Die­se päpst­li­chen Schrei­ben wur­de dann von der Kan­zel ver­le­sen oder ihr In­halt den Leu­ten in der Pre­digt in ge­eig­ne­ter Form na­he­ge­bracht. Man­ches gab es so­gar in ge­druck­ter Form. An­sons­ten stand viel­leicht auch mal was über den Papst in der Zei­tung. Hir­ten­wor­te der Bischöfe gab es auch und sie wur­den in ähn­li­cher Wei­se mit­ge­teilt. Was aber der ei­ge­ne Bi­schof sonst so mach­te, war we­nig be­kannt und in­ter­es­sier­te wohl auch kaum einen. Der Bi­schof oder ei­ner sei­ner Weih­bischöfe kam al­le paar Jah­re zur Fir­mung und/oder Vi­si­ta­ti­on vor­bei und das war dann ein großes Er­eig­nis für die gan­ze Ge­mein­de. Dann fuhr er aber auch bald wei­ter.
Wie konn­te man nur in der Zeit ka­tho­lisch sein? Trotz der we­ni­gen Nach­rich­ten aus Rom, wa­ren die Men­schen da­mals gläubig und vie­le wußten vom Glau­ben mehr, als heu­te, wo uns al­le In­for­ma­ti­ons­an­ge­bo­te of­fen ste­hen. (Frei­lich, gab es da­mals gab noch Ka­te­chis­mus­un­ter­richt für Kom­mu­nion­kin­der statt grup­pen­dy­na­mi­scher Dis­kus­si­ons­run­den.)
Die Men­schen könn­ten heu­te über al­les in­for­miert sein, aber ge­ra­de in Glau­bens­din­gen, gibt es einen Wis­sens­ver­lust wie es ihn lan­ge nicht mehr gab. Die Nach­rich­ten sind da, aber sie kom­men nicht an und zu Her­zen ge­hen sie schon drei­mal nicht. Je­den Tag kann die „Per­le“ nach­ge­le­sen wer­den, die der Papst in sei­ner klei­nen Ka­pel­le wirft, aber sie wird nicht ge­fres­sen (und viel­leicht ist das auch gut so).
Es er­scheint pa­ra­dox: Da­mals gab es we­ni­ge In­for­ma­tio­nen aus Rom und der ei­ge­nen Diöze­se, aber großes Glau­bens­wis­sen und -praxis; heu­te gibt es vie­le In­for­ma­tio­nen aus Rom und von je­dem Bi­schof auf der Welt, aber klei­nes Glau­bens­wis­sen und -praxis.
Da läuft doch wohl was falsch.
Viel­leicht wäre es gut, we­ni­ger in die Nach­rich­ten und wenn we­ni­ger nach Rom zu gu­cken, und statt­des­sen mal öfter in den Ka­te­chis­mus?
Viel­leicht wäre es gut, we­ni­ger dar­auf zu hören, was spon­tan ir­gend­wo ir­gend­ein kirch­li­cher Ver­tre­ter sagt?
Viel­leicht wäre es gut, bei Be­rich­ten von be­stimm­ten Grup­pen und For­de­run­gen, die Zei­tung bei­sei­te zu le­gen oder Ra­dio und Fern­se­her aus­zu­schal­ten?
Vor al­len Din­gen brau­chen wir in der Verkündi­gung aber wie­der Leu­te, die Schwie­len an den Kni­en ha­ben und nicht am Gesäß?

Ach­ja, mei­ne Oma hat sich in den 80er Jah­ren dann doch erst­mals in ih­rem Le­ben in ein Flug­zeug ge­setzt und ist nach Rom ge­reist, um den Papst zu se­hen.